Shades Tours Vienna

Eine Wien-Tour der etwas anderen Art

Daniela Kurz
10. November 2016

Samstagnachmittag. 14:30 Uhr. Wien Hauptbahnhof. Eine graue Wolkendecke hängt über Wien, es ist kalt. Eiskalt. Mit dem Schriftzug „Shades Tours“ auf einem schwarzen Schild erwartet uns Robert - unser Shades Tours Guide - vor den Toren des Wiener Hauptbahnhofs.

Shades Tours Vienna greifen das Thema Obdachlosigkeit in Wien auf. Die Shades Tours Guides, welche selbst einmal davon betroffen waren oder es teilweise noch immer sind, führen kleine Gruppen an themenrelevante Orte, die ihre eigene Lebenssituation betreffen. Dieses Konzept ermöglicht es, authentische Einblicke in das Leben Obdachloser in Wien zu gewinnen und soll unter anderem dabei helfen, Vorurteile und falsche Stigmen gegenüber obdachlosen Menschen abzubauen. Gleichzeitig erlangen die Tour Guides eine wertschätzende Beschäftigung, sowie einen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt.

Es ist doch so: Viele von uns denken bei obdachlosen Menschen an ein ungepflegtes Äußeres, schmutzige Kleidung, Zigaretten und Alkohol. Doch vor uns steht ein junger, gepflegter, äußerst gebildeter Mann mit herausragenden rhetorischen Fähigkeiten - wie wir im Zuge unserer Tour erleben dürfen. Gleich zu Beginn erkundigt sich Robert nach unseren Erwartungen zur bevorstehenden Shades Tour. „Einen Einblick ‚hinter die Kulissen bekommen‘ bekommen, die wahren Hintergründe erfahren, Wiens Schattenseite kennen lernen“, erwidert ein Teilnehmer. „Vorurteile abbauen“, ruft eine Dame. „Wiens soziales Netzwerk kennen lernen“, ergänzt eine Teilnehmerin. So soll es nun geschehen.

Bevor wir durch den Hauptbahnhof in Richtung P7 marschieren, klärt uns Robert über Begriffe wie „anspruchsberechtigt“, „nicht-anspruchsberechtigt“, „obdachlos“ und „wohnungslos“ auf. Am Weg diskutieren wir über mögliche Grundursachen der Obdachlosigkeit, wie Krankheit, Scheidung, Trauma, Verlust der Lebensexistenz etc. und Robert schildert uns seine eigene „Geschichte“.

Wir halten gegenüber vom P7, dem Tageszentrum der Caritas, der zentralen Erstanlaufstelle und Rückzugsort für viele Obdachlose. Robert bezeichnet das P7 auch als „Booking.com für Obdachlose“, denn hier werden die Betten der Notschlafstellen zugeteilt. Außerdem können sich Menschen, die als wohnungslos registriert sind, im P7 ihre Post abholen und Beratungsgespräche mit engagierten SozialarbeiterInnen führen.

Wir gehen weiter und halten im Schweizerpark, wo Robert uns von einigen sozialen Einrichtungen und dem sozialen Angebot der Stadt Wien berichtet. Im Park erwartete uns der wohl emotionalste Teil der Tour. Persönliche Geschichten. Ereignisse, die Robert hier selbst miterlebt hat. Erfahrungen, die er hier selbst machen musste. Robert ist stets bemüht, all unsere Fragen zu beantworten - auch wenn diese noch so persönlich sind. Wir alle bewundern ihn für die Art mit diesen sehr persönlichen Fragen umzugehen.

Es ist nun noch kälter geworden, es dämmert bereits und wir gehen gemeinsam den Weg zurück in Richtung Hauptbahnhof. Hier verabschieden wir uns von Robert nach 165 Minuten geballten Informationen und Emotionen.

Samstagnachmittag. 16:45 Uhr. Wien Hauptbahnhof. Immer noch liegen graue Wolken über Wien. Wir alle freuen uns endlich ins Warme zu kommen, ein Dach über dem Kopf zu haben - und schätzen dieses Glück und den Komfort mehr denn je.  

Unser Resümee zur Shades Tour: Inspirierend. Berührend. Informativ. Augen-öffnend.